Der Kernkraft-Steuermann

Kontrollierte Kettenreaktionen sind seine Spezialität - Carsten Ahrens ist Schichtleiter des Gemeischaftskernkraftwerk Grohnde.

Tagtäglich fließt die Verantwortung von 1.360 MW Kernenergie durch seine Finger. Als Schichtleiter ist der 35-Jährige gemeinsam mit seinem 15-köpfigen Team für den störfallfreien Ablauf der Kernspaltung in den Reaktoren verantwortlich. Damit stellt er sicher, dass über drei Mio. Haushalte in Deutschland rund um die Uhr mit Strom versorgt werden.

Die meiste Zeit verbringt Carsten Ahrens auf der Kraftwerkswarte. In dem über 200 m2 großen Raum flackern über 100 riesige Bildschirme, die die technischen Daten der einzelnen Bedienungselemente anzeigen und die Überwachung der gesamten Anlage ermöglichen. Das Kernkraftwerk Grohnde gehört zu den weltweit zehn Kernkraftwerken mit den besten Produktionsergebnissen. 

Gibt es einen wegweisenden Moment, der deine Leidenschaft für Energie geweckt hat?

Das habe ich meinem Vater zu verdanken. Als Monteur war er bei einer Firma tätig, die Verbrennungssysteme für kleinere Kraftwerke hergestellt hat. Manchmal hatte er am Wochenende Notdienst. Wenn samstagsmorgens um sieben das Telefon klingelte, war ich vor Freude aus dem Häuschen - im Gegensatz zu meinem Vater. Während es für ihn Arbeit bedeutete, war es für mich als Sechsjähriger ein großes Abenteuer, ihn ins Kesselhaus eines Kraftwerks begleiten zu dürfen.  

Was fasziniert dich an Kernkraftwerken?

Ein Kraftwerk ist ein wahnsinnig komplexes Gebilde, das die gesamte Palette des Maschinenbaus abdeckt: vom Chemiebaukasten mit Wasseraufbereitung und Wasserlabor bis zur Energieerzeugung mit Pumpen und Motoren. Das Betriebshandbuch unseres Kernkraftwerks umfasst mehr als 30.000 Seiten. Das muss ich nicht auswendig kennen, doch ich muss zumindest wissen, wo ich nachschlagen kann, wenn ich mich über ein bestimmtes System informieren möchte. Dabei fühle ich mich manchmal wie ein Detektiv.

Um Schichtleiter zu werden, muss man nach dem Studium noch eine dreieinhalbjährige Ausbildung absolvieren. Was hat dich zu diesem langen Ausbildungsweg motiviert?

Nach der Ausbildung ist man vom ersten Arbeitstag an automatisch Chef und verantwortlich für ca. 15 Mitarbeiter. Langjähriges Hocharbeiten ohne Garantie, befördert zu werden, gibt es nicht. Hinzu kommt die einzigartige Möglichkeit, für eine gesamte Anlage mit verschiedenen komplexen Systemen verantwortlich zu sein. Üblicherweise ist man als junger Ingenieur Spezialist für ein System, z. B. für eine Turbine. Das wäre mir auf Dauer zu einseitig. Als Schichtleiter hingegen besitzt man den Überblick über alle Systeme - von der Elektro- über die Leittechnik bis zum Maschinenbau.  

 

Kannst du uns einen typischen Arbeitstag beschreiben?

Wenn ich Frühschicht habe, beginnt mein Tag um sechs Uhr morgens. In der ersten Stunde informiere ich mich genaustens bei dem Ingenieur, der die Nachtschicht geleitet hat, über den Kraftwerksbetrieb der vergangenen Stunden. Jedes Detail ist wichtig und wird im Rahmen der Schichtübergabe nach einem festgelegten Schema weitergegeben. Danach habe ich ein Übergabegespräch mit der gesamten Schicht von 15 Leuten. Es ist eine große Verantwortung, alles so zu koordinieren, dass das Kraftwerk reibungslos läuft. Ich vergleiche meine Arbeit gerne mit dem Flug eines Piloten. Wir haben einen konzentrierten Start und eine interessante Landung, dazwischen verläuft alles überwiegend in ruhigen, geregelten Bahnen.

Was war bisher dein größtes Erfolgserlebnis?

Die erste Revision, die ich als Schichtleiter verantwortet habe. Bei einer Revision, die einmal jährlich stattfindet, wird das Kernkraftwerk für zwei bis vier Wochen vom Netz abgefahren. In dieser Zeit öffnen wir den Reaktor und tauschen Brennelemente aus. Das ist sehr spannend, da viele Systeme von Hand bedient werden.

 

Welche Charaktereigenschaften braucht ein Schichtleiter?

Allen voran Ausdauer. Der Job beinhaltet sehr viel Routine. Es gibt Tage, an denen liegt nicht viel an. Trotzdem muss ich sehr wachsam sein und die Werte kontrollieren. Das kostet viel Selbstdisziplin. Zudem braucht man Durchsetzungsstärke. Ich muss Entscheidungen auch mal gegen den Willen von Mitarbeitern treffen können. Gleichzeitig muss ich so sensibel sein, ein Team von unterschiedlichen Charakteren führen zu können. Sehr wichtig ist auch, mit Stress umgehen zu können. Wenn eine Störung auftreten sollte, muss ich ruhig bleiben, um besonnen handeln zu können.

Welche Tipps hast du für Berufseinsteiger?

Nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen. Das Studium und die Ausbildung sind lang und hart. Aber es lohnt sich, Ausdauer zu beweisen. Lasst euch von Rückschlägen oder Schwierigkeiten nicht verunsichern. Verfolgt euren Weg bis ins Ziel!

Was ist deine persönliche Energiequelle?

Ich würde eher sagen: wie ich privat viel Energie verbrauche! Ich fahre leidenschaftlich gerne Motorrad und habe mir vor kurzem einen Jugendtraum erfüllt: das Fliegen. Momentan arbeite ich daran, den Ultraleichtflugschein zu bestehen.