Mathematikerin, Informatikerin, Unternehmensberaterin - Christiane Eckardt

Christiane Eckardt

Hallo Frau Eckardt, schön, dass Sie sich die Zeit nehmen etwas aus Ihrem Berufsleben zu verraten. Bitte beschreiben Sie den Leserinnen von technik-welten Ihren Beruf und Ihre Tätigkeit.

Christiane Eckardt:
Ich bin studierte Mathematikerin und Informatikerin und arbeite seit über 20 Jahren im Bereich Dienstleistungen und seit 17 Jahren in der Unternehmensberatung zum Thema "Einsatz von IT in Unternehmen". Ich bin weit weg davon ein Techie zu sein. Wenn mein Laptop nicht funktioniert, renne ich auch zu unserem internen IT-Service, stelle denen das auf den Tisch und sage "Bitte fixen!".

Ich bin auf der Ebene der Management- und Organisationsberatung für IT-Einsatz unterwegs. Das sind Fragestellungen wie das Managen großer Projekte oder Architekturfragen für IT oder der Einsatz von IT-Systemen, IT-strategische Fragen und Governancefragen. Heute früh habe ich beispielsweise mit einem Personal-Chef einer Versicherung diskutiert, wie man die Internetnutzung im Unternehmen regeln kann, ob man sie regeln muss und wenn ja, welche Regeln man im Unternehmen festlegen und welche Gesetze man beachten muss.

Wie muss ich mir das vorstellen?
Unternehmen fragen sich, sollen wir unseren Mitarbeitern am Arbeitsplatz mit den Geräten des Arbeitgebers erlauben, privat ins Internet zu gehen, erlauben, dass sie private E-Mails während der Arbeitszeit bearbeiten oder sich in Facebook einklinken. Da ist ja dann sofort die Frage, was ist davon privat, was geschäftlich, dürfen wir das kontrollieren oder nicht. In dem Moment wird der Arbeitgeber schlagartig zum Kommunikationsprovider und muss das Telekommunikationsgesetz beachten. Dann tauchen Fragen auf wie: "Was mache ich, wenn Mitarbeiter kriminelle Dinge im Internet tun, wenn sie Pornos gucken, wenn sie sich von der Arbeit ablenken lassen...?"

Und wie viel Mathematik oder Informatik ist da noch drin, wenn Sie sich über solche Dinge Gedanken machen?
Mathematik ist da insofern drin, dass strukturiertes Denken ungeheuer hilft. Und Informatik ist insofern drin, dass ich überhaupt weiß, wie das Internet technisch funktioniert. Ich weiß, welche Fragestellungen sowohl technisch als auch organisatorisch auftauchen werden. Und ich weiß, dass die IT-Abteilung des Unternehmens der ganzen Angelegenheit etwas skeptisch gegenüberstehen wird, weil das natürlich eine Reihe von Arbeiten bedeutet: Sie müssen ggfs. Kontroll- und Reportingmechanismen in Programme umsetzen, um das steuern zu können, sie müssen Sicherheitsprobleme lösen, Support anbieten etc. Ich habe also aufgrund meiner Erfahrung ein Gespür dafür, was die IT-Abteilung umtreibt, wenn solche Überlegungen angestellt werden.

Inwieweit glauben Sie, dass Sie da als Frau Vorteile oder Nachteile haben?
Pauschal ist das ein bisschen schwer zu beantworten. Aber ich sehe, dass Frauen im IT-Umfeld den Vorteil haben, dass sie eher gebrauchswertorientiert an die Sache herangehen - es gibt natürlich auch Männer, die das können. Frauen fragen eher, was kann man mit IT machen und sind nicht so technikverliebt. Wir sind in aller Regel eher personenzentriert und von daher kommunikationsstärker. Natürlich gibt es unter meinen Beraterkollegen viele, die kommunikationsstark sind und nicht technikverliebt. Tendenziell findet man sowas aber eher bei Frauen. Ich selber bin überwältigt, wenn ich bei den jungen Leuten schaue, die gerade frisch aus dem Studium kommen: da sind die technikaffinen Frauen viel kommunikationsstärker als die technikaffinen Männer.

Und das ist von Vorteil, weil die dann die Brücke schlagen können zwischen der IT und ihrer Anwendung?
Ja, es ist ein sehr kommunikationsintensiver Prozess, was Anwender von der Technik und von der IT brauchen, das nennen wir Demand-Management und zu deutsch Anforderungs-Management, und an diesen Stellen haben Frauen aufgrund ihrer immer noch rollengeprägten Sozialisation echte Vorteile.

Also Sie würden jungen Frauen raten, Mathe und Informatik zu studieren, weil sie wegen ihrer Sozialisation als Frauen bessere Karten bei der Jobvergabe haben?
Ja. Viele Aufgaben in und rund um IT sind stark kommunikationsorientiert und das wird so bleiben und vielleicht sogar noch weitergehen. IT-Anwendung und Internet sind heutzutage Standard, fast jeder kann eine Webseite ins Netz stellen, aber damit ist es ja nicht getan, gerade in den Unternehmen nicht, da wird das ja komplexer mit dem Zusammenspiel.

Können Sie ein Beispiel geben?
Ich arbeite in einem großen Konzern, das ist die Deutsche Telekom. Und die Deutsche Telekom hat momentan ein Riesenprojekt aufgesetzt, d.h. "One ERP". Die Deutsche Telekom will in all ihren Konzerneinheiten ein einziges enterprise resource planning-System haben, vom Einkauf bis zur Buchhaltung. Die vielen Telekom-Einheiten, auch die nationalen Telekomgesellschaften von Kroatien bis Griechenland, und Deutschland natürlich ganz besonders, haben alle unterschiedliche Systeme. Viele haben zwar SAP, aber unterschiedlich ausgeprägte SAP-Systeme. Und das zusammenzubringen in das, was man jetzt One ERP nennt, das ist ein Mammutprogramm, das hat eine Komplexität, das ist eine echte intellektuelle Herausforderung. Und da müssen die Menschen ganz viel miteinander reden, da muss ganz viel im Detail abgestimmt werden, bevor dann die Techniker darangehen können, das technisch umzusetzen.

Für die Jungs bedeutet das, schaut euch ein bisschen mehr bei den Mädels ab, ja?
Was die Kommunikationsfähigkeit über Technik betrifft auf jeden Fall. Technische Zusammenhänge eben nicht in technischen Termini zu erklären, sondern so, dass jemand, der nicht so tief in der Technik drin ist, das versteht, das ist die notwendige Kunst dabei. Und übrigens auch ich, der tief in der Technik drin ist, wenn ich neu in ein Projekt hineinkomme, brauche ich einen Klartext, eine Prosaerklärung. Ich muss die dreibuchstabigen Abkürzungen ausgesprochen hören, damit ich sie verstehe. Und diese Kommunikation müssen alle, die mit IT zu tun haben, können. Und die einen können es besser und schneller als die anderen.

Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen auf Ihr Studium.
Ich habe in München angefangen zu studieren 1969, da gab's noch keine Informatik. Die kam 1970, da sind wir alle ganz neugierig hingerannt und ich fand das faszinierend, faszinierender als Physik, wofür ich neben Mathematik eigentlich eingeschrieben war. Und damals waren das übrigens mehr Studentinnen als es heute sind, vielleicht weil man nicht so genau wusste, worum es in dem Studium geht. Das hat sich dann schnell verändert und sich bei elf bis 17 Prozent eingependelt.

Was hat Ihnen an Ihrem Studium am meisten Spaß gemacht?
Mich haben immer die mathematischen Gedankengebäude fasziniert, und dass Mathematik eigentlich ein Studium für Faule ist. Weil, entweder man kapiert es, dann geht es relativ gut und schnell, oder man kapiert es nicht, dann muss man es eh bleiben lassen. Wenn ich gesehen habe, wie die Medizin- oder Chemiestudenten Zeit investieren mussten, was die alles auswendig lernen mussten und wie die Chemiker nächtelang ihre Proben gekocht haben. Gut - bei der Informatik ist es auch so, du programmierst tagelang und dann ist da ein Logikfehler und du findest dann den Fehler nicht, der irgendwo drin steckt. Das habe ich hinterher erst gemerkt in meiner praktischen Diplomarbeit, dass das auch den Schlaf kosten kann. Aber die logischen Gedankengebäude in Programmiersprachen, das hat mich schon fasziniert.

Wie sehr fasziniert sie die technische Entwicklung der letzten Jahre?
Ich habe angefangen zu programmieren, da haben wir die Programme am Fernschreiber in Lochstreifen reingetippt. Und wenn man sieht, was da heute so alles geht, wie man sich Apps selber bauen kann, das ist schon atemberaubend, auch für jemanden, der mit der Branche mitgewachsen ist.

Profitieren Sie heute noch davon, dass Sie die Urzeiten des Programmierens und der Informatik miterlebt haben in irgendeiner Weise?
Manchmal ist es eher hinderlich. Ich habe manchmal den Eindruck, ich stelle mir manches komplizierter vor, als es heute aufgrund der vielen Schichten, die schon vorgegeben sind, ist, bei Standard-Software oder moderenen Programmiersprachen zum Beispiel. Man profitiert sicher von der Erfahrung durch die lange Beschäftigung und vom Studium profitiert man, weil man dort gelernt hat strukturiert zu denken. Da habe ich während meines gesamten Berufslebens immer das Gefühl gehabt, dass ich Betriebswirten oder Volkswirten im Strukturieren und methodischen Vorgehen überlegen bin.

Zum Abschluss unsere drei Standardfragen: Was ist die größte Erfindung der Menschheit?
Die Schrift und die Zahl. Wenn wir das nicht hätten, hätten auch die anderen Erfindungen wie das Rad oder die Dampfmaschine, Computer, Buchdruck etc. nicht viel genutzt. Nicht umsonst sind Lesen und Rechnen in der Grundschule das A und O.

Ja, genau. Und die überflüssigste Erfindung?
Ballerspiele. Die bräuchte man gar nicht.

Für welches Problem sollte aus den MINT-Fächern möglichst bald eine Lösung gefunden werden?
Es würde schon reichen, wenn wir überall einheitliche Adapter und Stecker hätten.

Wir danken Ihnen ganz herzlich, Frau Eckardt, für dieses Interview.